Katharina Cibulka

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Arbeiten im öffentlichen Raum

Magª. Katharina Cibulka

 

Künstlerin, Filmemacherin, Projektentwicklerin für künstlerische und nachhaltige Prozesse. Seit 2013 im Vorstand der Tiroler Künstlerschaft.

 

Ich entwickle Ideen und Konzepte. Ich erstelle Masterpläne, Drehbücher, begleite Produktentwicklungen und initiiere Kooperationen. Am Beginn meiner Arbeit steht der intensive Austausch mit meinen Auftraggeber/innen: die Ermittlung des konkreten Bedarfs, die Formulierung der Ziele und die Prüfung der Möglichkeiten. In den meisten Fällen betreue ich in Kooperationen die Projekte über die Konzeption hinaus auch in der Umsetzung, bis hin zum fertigen Produkt.

 

 

 

 

 

  • Studium

    2016

    2010

    2004

     

    2001

    2000

    1999

    1998

    1997

    1994

    Institut Arno Stern, Ausbildung zur Ausdruckssemiologie/ Malort, Paris

    Diplom (mit Auszeichnung) bei Carola Dertnig mit der Videoinstallation GETTING MY NAME UP THERE

    Akademie der bildenden Künste Wien, Peter Kogler (Kunst und digitale Medien), Carola Dertnig (Performative Kunst)

    und Kaucyilla Brooke (Visual Art Narrative)

    digital film producer, SAE Wien

    Schule für künstlerische Fotografie, Wien

    New York Film Academy, New York

    Multi Media Designer, SAE Wien

    Kamera- und Regieassistenz, ORF Wien

    Studium Romanistik, Geographie und Ethnologie, Innsbruck

  • Ausstellungen (Auswahl)

    2018

    2017

     

     

     

    2016

     

    2015

     

     

    2014

     

     

    2012

     

    2011

     

     

    2010

     

     

     

     

     

    2009

     

     

    2008

     

    2007

    2006

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    2005

     

    Kunst - Landschaft - Tirol, Museum Kitzbühel Sammlung Alfons Walde

    Outposts: Global Borders and National Boundaries, Glucksman Gallery, Cork, Irland

    Salon - Landschaftslektüren, Kunstpavillon Innsbruck

    Kunst am Bau, Kematoskop, NHT Kematen

    Kunstankäufe der Stadt Innsbruck, Andechsgalerie

    70 Jahre Tiroler Künstlerschaft, Kunstpavillon Innsbruck

    exchange version 2, Bäckerei Innsbruck

    no walls, friday exit, Wien

    Set in motion, Kunstraum, Innsbruck

    Open house, Schloss Büchsenhausen, Innsbruck

    Klangmanifeste, Künstlerhaus, Wien

    St. Claude Gallery, New Orleans

     Schloss Büchsenhausen, Innsbruck

    Fotogalerie, Wien (Solo)

    255 K., Stadtmuseum Innsbruck

    Galerie im Andechshof, Innsbruck (Solo)

    Neue Galerie, Innsbruck (Solo)

    Neuer Kunstverein, Wien

    Identitäten II, Fotogalerie Wien

    5th International Student Triennial, Istanbul

    on altruism, Bonner Kunstverein

     Hard to sell, good to have, Palais Sturany, Wien

     Jennyfair, Wien

    RIGHT THERE, Designausstellung, Wien

    Übersetzungsparadoxien und Missverständnisse, Shedhalle, Zürich

    Die Anderen, Secession, Wien

    Zwischen Beruf und Berufung. Welches Leben?, Jahresausstellung Akademie der bildenden Künste, Wien

    Kaleidoscreen, Akademie der bildenden Künste, Wien

    You are a mess honey, Galerie Grundsteingasse, Wien

    1/4 Hungarian, Liget Gallery, Budapest

    Ursula Blickle Videolounge, Kunsthalle, Wien (Solo)

    Wir machen das schon wieder, Galerie Andreas Huber, Wien

    base camp, Kunsthaus Meran

    work, Golden Threat Gallery, Belfast

    Tannoy Frederick Terrace Gallery, London

    Microstories Austria, Museum für angewandte Kunst, Wien

    work, Lewis Glucksman Gallery, Cork

    art club Russia, St. Petersburg Biennale

    Checkpoint, No-gallery, Prag

    Tag der offenen Türe, Flakturm, Wien

    real presence 2005, Museum für angewandte Kunst, Belgrad

    Arbeit, Galerie im Taxispalais, Innsbruck

    art position 05, Wien

    Eine Einstellung zur Arbeit, Filmmuseum Wien

  • Performances

    2012

    2011

     

    2008

    2006

    2005

    peek a corner /  Fotogalerie, Wien

    peek a corner /  Galerie im Andechshof, Innsbruck

    peek a corner /  Neuer Kunstverein, Wien

    Bin ich modern /  Aktsaal, Akademie der bildenden Künste, Wien

    Stressed out /  Wir machen das schon wieder, Galerie Andreas Huber, Wien

    29.08.2005 - 18:00-22:30 / real presence 2005, Museum für angewandte Kunst, Belgrad

  • Filmfestivals

    2018

    2017

     

     

    2012

    2011

    2010

    2009

     

     

    2008

     

     

     

    2006

     

    2005

    2004

    VISFF - Vilnius International Short Film Festival, Litauen

    15th VIS Vienna Shorts, Wien

    36th Uppsala International Short Film Festival, Sweden

    ZubrOFFka - International Short Film Festival, Bialystok, Poland

    Transmediale, Berlin

    Diagonale, Graz

    53rd International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film,DE

    Gegenwelten, Künstlerhaus, Wien

    signes de nuit, Paris, FR

    los Gurkos Kurzfilmfestival, Innsbruck, AT

     54th International Short Film Festival Oberhausen, DE

    Good night kids, Red House Center, Sofia

    27th Uppsala International Short Film Festival, Sweden

    All the ladies, let´s misbehave, Sixpackfilm Wien, AT

    Filmfestival Linz, AT

    Filmfestival Berlin, DE

    Filmfestival Bielefeld, DE

    Ladyfilmfestival Wien, AT

    Filmfestival Mostar, Bosnien-Herzegovina

  • Preise/ Stipendien

    2017

    2016

    2015

    2014

    2012

    2011

    2010

    2010

    2010

    2009

    2002

    1. Preis: Wettbewerb der NHT, Kematoskop

    Förderung KÖR Tirol für das Projekt SOLANGE

    Förderung KÖR Dürerblick

    Förderpreis für zeitgenössische Kunst des Landes Tirol

    Förderpreis der Stadt Innsbruck für Fotografie/Neue Medien

     1. Preis: Fassadenwettbewerb FREIES THEATER INNSBRUCK & Audioversum

    Würdigungspreis des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung

    Preis der Freunde der bildenden Kunst

    Emanuel und Sofie Fon- Stipendium

    1. Preis: 18. IFFI- los Gurkos Kurzfilmwettbewerb, Innsbruck, AT

    1. Preis: einBlick, Universität Wien

  • Radioportrait

  • Studium

    2016

    2010

    2004

     

    2001

    2000

    1999

    1998

    1997

    1994

    Institut Arno Stern, Ausbildung zur Ausdruckssemiologie/ Malort, Paris

    Diplom (mit Auszeichnung) bei Carola Dertnig mit der Videoinstallation GETTING MY NAME UP THERE

    Akademie der bildenden Künste Wien, MS Kogler (Kunst und digitale Medien), MS Dertnig (Performative Kunst)

    und Kaucyilla Brooke (Visual Art Narrative)

    digital film producer, SAE Wien

    Schule für künstlerische Fotografie, Wien

    New York Film Academy, New York

    Multi Media Designer, SAE Wien

    Kamera- und Regieassistenz, ORF Wien

    Studium Romanistik, Geographie und Ethnologie, Innsbruck

  • Texte über mich / Aus jedem Ich spricht ein Wir (Manisha Jothady)

    Es ist eine spezifische Gabe des Menschen, dass er sich selbst zum Gegenstand seiner Reflexionen machen kann. Menschen können darüber nachdenken und kommunizieren, wer sie sind, wer sie sein oder nicht sein möchten, welche Rolle sie in Partnerschaft, Familie, Beruf und Gesellschaft einnehmen. Katharina Cibulka hat in den vergangenen Jahren ein stringentes, medial vielschichtiges Œuvre geschaffen, das um existenzielle und identitätstiftende Fragen wie diese kreist. In ihren Filmen, Fotografien, Installationen, Performances und Textarbeiten thematisiert sie das Verhältnis des Individuums zu seinem Umfeld und beschreibt dabei den Balanceakt zwischen subjektiven Sehnsüchten und den Anforderungen, welche die Außenwelt an den Einzelnen stellt. Dass Cibulka hierfür oft eine spezifisch weibliche Perspektive einnimmt, die in ihren Arbeiten handelnden Personen vielfach Frauen sind, mag nur kurzerhand dazu verleiten, ihr Schaffen in den Kontext feministischer Kunst zu stellen. In ihren Werken geht es nicht um ein wie auch immer geartetes Differenzdenken, wenngleich die Position der Frau in der Gesellschaft als Thema immer wieder durchsickert. Deutlich wird dies etwa anhand der autobiografisch motivierten Performance „Am I contemporary?“ (2010), in der sich Cibulka in Form der Selbstbefragung ihren Stellenwert als Künstlerin, als Ehefrau und Mutter zu vergegenwärtigen sucht. „Am I contemporary if I’m both artist and mother?“, „Am I contemporary if I prepare lunch for my family?“, „Am I contemporary if I still make gender equality an issue in 2010?“ heißt es da unter anderem. Durch die mantra-ähnliche Wiederholung des „Am I contemporary“ gewinnen die Satzinhalte eine auf das Publikum projizierte Qualität abseits geschlechts- und rollenspezifischer Zuschreibungen. Auf einer verallgemeinernden Ebene erzählt die Arbeit vom Finden und Behaupten einer eigenen Identität in der Begegnung mit den festgefügten Bildern anderer. Cibulka gelingt damit der Grätschakt, von ihren zutiefst persönlichen Gedanken ausgehend grundsätzliche menschliche Befindlichkeiten anzusprechen.

    Diese Transferleistung vom Subjektiven ins Kollektive charakterisiert auch das knapp vierminütige Video „Stressed out“ (2006). Zu sehen sind Lippen in Großaufnahme, zu hören ist eine weibliche Stimme, die in staccato-artigem Ton Aussagen über das hektische Leben einer Frau im 21. Jahrhunderts trifft („stressed out about the emptiness in my soul“, „stressed out by my cell phone ringing all the time“). Wie bei „Am I contemporary“ fungiert auch hier das Weibliche lediglich als Platzhalter, als Projektionsfolie. Wieder fühlt sich der Betrachter/die Betrachterin aufgefordert, das aus der Sicht der Künstlerin Dargestellte an die eigene Verfasstheit rückzukoppeln.

    Entstanden ist „Stressed out“ in Anlehnung an die Performance “Waiting” aus dem Jahr 1972.

    In Form eines Monologs beschreibt die feministische Künstlerin Faith Wilding darin das gesamte Leben einer Frau als eintöniges Warten auf den Beginn des eigentlichen, sprich individuell gelebten Lebens. Der Hinweis auf diese Vorlage scheint an dieser Stelle insofern relevant, als sich darin Cibulkas künstlerische Methoden der Adaption, der Übersetzung und Umdeutung artikuliert. Eignete sich die Künstlerin für die oben beschriebenen Arbeiten unter Umkehrung der inhaltlichen Vorzeichen die formale Struktur Faith Wildings „Waiting“ an, so basieren weitere Projekte vielfach auf biografischen Versatzstücken anderer Personen, die Cibulka in einem der Collage ähnlichen Verfahren in neue Zusammenhänge überführt. Beispielhaft hierfür ist ihr jüngstes Performanceprojekt „peek a corner“ (2011), in der authentische Erlebnisberichte verschiedener Frauen zu einer großen Erzählung über Unerhörtheiten, Irrungen und Verwirrungen gerinnen.

    Katharina Cibulka interessiert sich im Sinne der kollektiven Bewusstseinsschaffung für Geschichten, die in der Öffentlichkeit ausgeblendete oder marginalisierte soziale Erfahrungen sichtbar machen. Zwangsläufig nimmt hierbei die Erforschung weiblicher Wirklichkeiten einen zentralen Stellenwert im Schaffen der Künstlerin ein. In „Fireflies“, einer frühen Videoarbeit aus dem Jahr 1999, setzt sie fünf New Yorker Musikerinnen ein höchst persönliches Porträt, indem sie diese über ihre Lebensträume in Hinblick auf Privates und Berufliches zu Wort kommen lässt. Zehn Jahre später finden sich dieselben Frauen in Cibulkas filmischer Arbeit „Getting My Name up There“ wieder. Während die Kamera die stumm verharrenden Protagonistinnen nahezu voyeuristisch fixiert, gibt eine Stimme aus dem Off eine Art Meta-Biografie wieder, die sich aus den verschiedenen – zwischen Lebenseuphorie und Infragestellen einstiger Zukunftskonzepte changierenden – Aussagen der Frauen zusammensetzt. Cibulka macht es dem Betrachter auf diese Weise unmöglich, das Erzählte auf eine bestimmte Person festzulegen. Umso deutlicher ist die Aussage, welche die Künstlerin mit dieser wie auch anderen Arbeiten trifft: Identität ist nicht etwas Einheitliches, sondern sie ist gebrochen und vielfältig wie auch der Prozess der Identitätsfindung selbst ein dynamischer und nie abgeschlossener ist.

     

    (Manisha Jothady)

  • Texte über mich / Laudatio Förderpreis Land Tirol (Andrei Siclodi)

    (...)

     

    Katharina Cibulka ist 1975 in Innsbruck geboren, wo sie seit ein Paar Jahren wieder hauptsächlich lebt und arbeitet. Ihre künstlerische Laufbahn began verhältnismäßig spät: Nach dem Schulabschluß nahm sie ein Studium der Romanistik, Geographie und Ethnologie an der Universität Innsbruck auf, um einige Jahre später es zugunsten einer Tätigkeit als Kamera- und Regieassistentin beim ORF aufzugeben. Hier arbeitete sie unter anderem bei Elisabeth Spira und deren „Alltagsgeschichten“ mit. Danach absolvierte Cibulka eine Kameraausbildung an der New Yorker Film Academy sowie ein Studium an der Schule für künstlerische Fotografie in Wien. In dieser Zeit arbeitete sie immer wieder als Multimedia- Designerin und -Produzentin im Bereich Digitalfilm, machte aber auch Musik mit der von ihr mitbegründeten Frauenband Telenovela.

     

    Erst 2004 (also mit 29 Jahren) begann sie ein Kunststudium an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Die Notwendigkeit hierfür begründet Cibulka selbst mit dem Bedürfnis nach dem Ausbruch aus dem formalen Korsett dokumentarischer Gestaltung im Rahmen von TV-Produktionen und dem Wunsch nach der Beschreitung neuer Wege im eigenen Umgang mit Medien des Dokumentarischen. Schließlich schloss sie ihr Studium 2010 bei Carola Dertnig – also im Bereich performativer Kunst – ab. Ungeachtet dessen ist Cibulka keineswegs zu einer Performance-Künstlerin im engeren Sinn geworden. Vielmehr spielt Performativität als ein Gestaltung bestimmender Faktor in ihrer Arbeit eine eminent wichtige Rolle. Diese Arbeit beschäftigt sich – allgemein betrachtet – mit dem Verhältnis des Individuums zu seinem Umfeld. Unter Verwendung filmischer, fotografischer, installativer und performativer Mittel thematisiert sie darin die Repräsentation von Selbstverständnis und Wandel der Geschlechterverhältnisse, Rollenklischees im sozioökonomischen Zusammenhängen, die komplexe Dialektik des Verhältnisses zwischen Subjektivität und Kollektivität sowie handlungsbasierte Veränderungen in der Wahrnehmung des eigenen Umfelds.

     

    Zwei Aspekte, die meines Erachtens Katharina Cibulkas Arbeit besonders antreiben, möchte ich hier an Hand einiger Beispiele hervorheben: einerseits das Interesse der Künstlerin an einer Wahrnehmungsveränderung im Hinblick auf das Verhältnis der Geschlechter sowie der Wille zu einem nachhaltigen Transfer vom Subjektiven ins Kollektive und zurück.

     

    Zum ersten Aspekt:

    In dem seit dem Jahr 2008 fortlaufenden Projekt „Überblende“ interessiert sich Cibulka für Frauen, die ihren Männern – freiwillig oder gezwungenermaßen – in den Tod folgten. Die Künstlerin eignet sich dabei überlieferte Erzählungen des Volksglaubens an, um diese in Hinblick auf das gegenwärtige Leben umzuschreiben und hinterfragend umzudeuten.

     

    Eine dieser Frauen ist Maria Antonia Deolinda y Correa, die in Argentinien als "Difunta Correa" also als „die entschlafene Correa“, bekannt ist und als Volksheilige verehrt wird. Die Legende rankt sich um eine Frau während des Argentinischen Bürgerkriegs Mitte des 19. Jahrhunderts, die kurz nach der Geburt ihres Kindes ihren gefangen genommenen Mann verzweifelt sucht, sich mit dem Baby auf den Weg nach ihm macht und seinen Spuren folgend nach einiger Zeit verdustet und stirbt. Das Baby trinkt jedoch die Muttermilch, die immer noch aus der Brust der Frau fließt, und überlebt so einige Tage, bis es von anderen Menschen gefunden wird.

    Das Motiv der „Difunta Correa“ erfährt in Cibulkas fotografischer Inszenierung des Ereignisses aus dem Jahr

    2008 – die übrigens auch in der ersten Einzelausstellung der Künstlerin in Tirol im Frühjahr 2011 in der Neuen Galerie der Tiroler Künstlerschaft zu sehen war – eine entscheidende Wandlung. Wir sehen hier eine Frau, die das Ereignis überlebt hat und es mit ihrem Kind gewissermaßen in eine ungewisse Zukunft blickt. Als quasi ikonografische Attribute stehen ihr in der Wüste überlebensnotwendige Wasserflaschen in Überfluß zur Seite, während das Brautkleid als Sinnbild der Zugehörigkeit zu einem Mann, von dem die Frau traditionell abhängig gemacht wird, weit in den Hintergrund gedrängt wird.

     

    Ein anderes, in Tirol bekannteres Motiv ist das „Bienerweibele“. Nach der unrechtmäßigen Enthauptung ihres regimekritischen Ehemanns 1651 nahm sich die Kanzlergattin Elisabeth Biener der Sage zufolge das Leben, indem sie sich aus Verzweiflung in einen Wasserfall stürzte.

    Auch in diesem Fall entscheidet sich die Frau in der künstlerischen Version der Geschichte für das Leben. In Cibulkas Einzelausstellung in der Galerie im Andechshof im Herbst 2011, die diesem Motiv gewidmet war, sahen wir eine emanzipierte Frauenfigur, die diese scheinbar ausweglose Lage erstarkt meisterte. Gleichsam wie ihre Argentinische Schiksalgenössin hat Elisabeth Biener es nicht mehr nötig, ihr Dasein vom Ehemann abhängig zu machen und als Frau erst nach ihrem von diesem heteronormierten Anderen bedingten Tod in die Geschichte einzugehen.

     

    Zum zweiten Aspekt:

    dem Willen zu einem nachhaltigen Transfer vom Subjektiven ins Kollektive und zurück. Katharina Cibulka hat sich in ihrer Arbeit verhältnismäßig früh für die Auseinandersetzung mit scheinbar festgelegten Mustern sozialer Zusammenkunft beschäftigt. Ein Kurzvideo aus dem Jahr 2006 dokumentiert eine Aktion der Künstlerin gemeinsam mit ihrer Kollegin Eva Jirica auf Wiener Weihnachtsmärkten, wo beide eine an sich simple Handlung des Verschenkens von Glühwein wiederholt durchführen und durch diese Freundlichkeitsgeste versuchen, mit PassantInnen ins Gespräch zu kommen. Die auf Video festgehaltenen Reaktionen entfalten eine, wie die Künstlerin es treffend beschreibt, kleine vorweihnachtliche Studie über den feinen Unterschied zwischen Geschenk und Geschäft und darüber, wie man sich mit einfachen Mitteln ungeahnt viele Feinde machen kann. (Was passiert ist und vor allem wie die Glühweinstand-Betreiberinnen und -Betreiber auf diese Geste reagierten können Sie sich denke ich leicht vorstellen...)

     

    Der Bedarf nach sozialem Austausch und konstruktiver Dynamik in zwischenmenschlichen Beziehungen wenn es darum geht, die eigene Lebensumgebung positiv mitzugetalten, äußerte sich bei Katharina Cibulka zuletzt in ihrer Tätigkeit als künstlerische Projektleiterin des Entwicklungs- und Beteiligungsprozesses des Stadtteils Anpruggen, wo sie selbst lebt und mittlerweile in ihrem Förderatelier im Künstlerhaus Büchsenhausen auch arbeitet. In dieser Position gestaltete sie zwei Sommer-Stadtteilfeste sowie zuletzt Anpruggen leise, der als Kontrapunkt zum hektischen Treiben im Advent in Innsbruck gedacht ist. Diese Aktivitäten, die bei oberflächlichem Betrachten leicht als „ausserkünstlerisch“ gebrandmarkt werden könnten, sind meines Erachtens jedoch untrennbar mit der künstlerischen Arbeit Katharina Cibulkas verbunden. Die Art, Position zu Beziehen sowie die Sensibilität, die sie in ihrer Arbeit innerhalb des Kunstmilieus an den Tag legt, findet durch diese Arbeit an einer nachhaltigen Identitätsbildung eines Stadtteils eine wunschenswerte wie selbstverständliche Erweiterung im sozialen Alltag. Für diesen Einsatz möchte ich Dir, liebe Katharina, herzlich danken. Weiter so!

     

    (Andrei Siclodi)

  • Texte über mich / Tracing Katharina C. (Heike Maier-Rieper)

    Vorweg eine Warnung: Der Kunst von Katharina Cibulka auf die Spur zu kommen, hat folgenreiche Konsequenzen für den Alltag! Der Blick für Flüchtiges schärft sich, die Aufmerksamkeitsschwelle mutiert. Das oft auftretende Motiv der Bewegung, letztendlich die Transformation von Zuständen, verändert auch die Wahrnehmung der Betrachtenden.

     

    Das kritische Hinterfragen eingefahrener Gewohnheiten, um mit künstlerischen Mitteln den Gegenbeweis und damit auch die Möglichkeit zur Veränderung  anzutreten, ist Teil des Handwerks von Katharina Cibulka. Die eingesetzten Formen sind multimedial: bewegte Bilder, Fotografie, Installationen, öffentliche Interaktionen, Performances. Keine Technik bzw. kein Mittel wird hermetisch streng verfolgt, sondern meist locker und spielerisch und mit unaufdringlicher Perfektion den Gegebenheiten, meist den Orten der Handlungen, angepasst. Das wahrnehmbare visuelle, oft auch audiovisuelle Ergebnis ist meist Konsequenz aus vorangegangenen Aktionen und konkreten Handlungen, die unbedingter Bestandteil des Werkes sind. Im Dekonstruieren von Prozessen nimmt ihre Arbeit mitunter subversive bis temperamentvoll-anarchistische Formen an. Der inhaltlichen Dynamik stehen formal Bilder und Töne einer minimalistischen Klarheit und Eleganz gegenüber. BetrachterInnen sind angehalten, diese Ambivalenz auszuloten.

     

    Spuren

    Do not leave any traces ist der Titel einer 2012 im Hauptraum der Wiener Secession entstandenen Arbeit.

    Ein circa 5-minütiges Video demonstriert  den Versuch eines Malers den auf einer Wand angebrachten Satz Do not leave any traces  mittels Farbwalze zu übermalen. Doch immer wieder durchbricht der Schriftzug die Deckfarbe und behauptet sich. Dieser Imperativ führt sich somit selbst ad absurdum und ist damit auch gleichzeitig die Antithese zu den Arbeiten der Künstlerin. Denn diese hinterlassen durchaus Spuren. „Wohnen heißt Spuren hinterlassen“ (1) meint Walter Benjamin und bezieht sich dabei auf verschiedenste Abdrücke in bürgerlichen Interieurs als Initialisierung von detektivischen Untersuchungen. Nun steht der Hauptraum der Wiener Secession - der erste White Cube der Kunstgeschichte, der ständig wechselnden Displays und Gedankenräumen Platz macht - geradezu konträr zu privaten Wohnräumen mit mehr oder weniger dauerhafter Gestaltung und Möblierung. Durch die Affichierung der Aufforderung und der Unmöglichkeit das Do not leave any traces gänzlich auszulöschen wird der Kunst-Raum in seiner Absolutheit hinterfragt. Viele Arbeiten von Katharina Cibulka setzen auf diese Weise kontradiktorische Botschaften frei. Die Künstlerin entpuppt sich dabei gleichzeitig als Spurenlegerin wie auch als Spurenleserin, verwischt mitunter aber auch ausgelegte Fährten. Sie macht neugierig, indem sie Alltagssituationen zum Kippen bringt und damit Banalität in Komplexität überführt. Zu den konkreten, tatsächlich verfolgbaren stofflichen Spuren in Räumen, Städten, Landschaften oder situativen Ereignissen gesellen sich so parallel jene Fährten, die auf nichtdinglicher Ebene aufgespürt und/oder gesetzt werden.

    Im Passagen-Werk verdeutlicht Walter Benjamin genau diese Relation zwischen Immateriellem und dinglich Konkretem: “Spur und Aura. Die Spur ist [die] Erscheinung einer Nähe, so fern das sein mag, was sie hinterließ. Die Aura ist die Erscheinung einer Ferne, so nahe das sein mag, was sie hervorruft.” (2) In den Arbeiten von Katharina Cibulka werden diese scheinbaren Gegensätze in einem Prozess von Interaktion zusammengeführt. Und all diesen - ihren Spuren haftet zudem eine rebellische Subtilität an, die in ihrer Widersprüchlichkeit reizvoll und herausfordernd zu erleben ist.

     

    Eine ihrer Spuren führt in die Kralja Petra Prvog, eine der ältesten Straßen Belgrads.  Die Umgebung ist voll von historischen Gebäuden: die erste offizielle Apotheke, das älteste Café, das erste Hotel; unterirdisch finden sich sogar Reste römischer Besiedelung. In Reiseführern wird die Architektur als Beispiel eines Konglomerates von balkanischen und mitteleuropäischen Elementen gepriesen. Doch all diese urbanen und touristischen Superlative sind in dem 2005 entstandenen Video Kralja Petra Prvog 10a kaum zu identifizieren. In den ersten Sekunden sieht man einen eher unspektakulären Bürgersteig, mehrmals reparierten Asphalt, in der Mitte ein tiefes Schlagloch. Plötzlich beginnt eine junge Frau diesen Riss mit Erde aufzufüllen. Ihre Bewegungen sind konzentriert und schnell, PassantenInnen scheinen sie nicht wirklich wahrzunehmen. Der „Auftrag“ wird möglichst präzis und unkompliziert erledigt. Erst als nach Begradigung der Fläche bunte Blumenstöckchen in die Erde gepflanzt werden, wird die Intervention deutlich. Der unscheinbare Ort, eigentlich ein „Fehler“ in der Straße, verändert sich. Er wechselt seine Funktion, wird mit neuer Bedeutung aufgeladen. Die biederen Blümchen im Trottoir stehen im merkwürdigen Gegensatz zu den Bildern, die man sonst vom toughen und wilden Belgrad kennt. Es bleibt das Bild eines trotzigen, urbanen Stilllebens im Kopf, als temporäre und damit flüchtige Spur in die Straße eingeschrieben.

     

    Ähnliches erfährt man auch durch die fotografische Serie 48°32´52´´N 16°33´E53´´, 2014. In die idyllische ostösterreichische Hügellandschaft wird die Schneise einer Autobahn gezogen. Die Radikalität dieser Maßnahme wird an den meterhohen Erdwänden- und Flächen deutlich. Der topografische Einschnitt bedeutet auch eine Veränderung des lokalen soziokulturellen Gefüges. Wohn- und Arbeitsorte werden sich den neuen Möglichkeiten anpassen (müssen). Komfort für die einen kann auch Verlust für die anderen bedeuten. Diesen Moment der Modifikation nutzt Katharina Cibulka und greift in die nun zum artifiziellen Produkt gewordene Geografie ein. Wie in der Aktion in Belgrad setzt sie, um die Massivität und Vehemenz der Straße zu verdeutlichen, zarte Blumen - Euphorbia Diamond, auch Zauberschnee genannt - ein. In einer unterbrochenen Linie generieren sie den Mittelstreifen der Fahrbahn und setzen damit ein grafisches geordnetes Zeichen, sozusagen eine Überholspur. Damit wird die Funktion der Straße sichtbar, gleichzeitig auch ihre Unbedingtheit und Konsequenz in Frage gestellt. In der gemeinsamen Darstellung scheinbarer Unvereinbarkeit von Unruhe und minimalistischer Schärfe zeigt sich besonderes Können. Wir Betrachtende sind hin- und hergerissen zwischen der nüchtern anmutenden „Straßengestaltung“ und der unverblümten Aneignung von urbanen bzw. infrastrukturellen Komplexen.

     

    Viele der Arbeiten von Katharina Cibulka decken vergessene, nicht allgemein wahrgenommene oder ignorierte Strukturen und Zusammenhänge auf. Oft handelt es sich um individuelle Schicksale, eingebettet in einen weiteren Kontext gesellschaftspolitischer Dimensionen und auch feministischer Fragestellungen. Persönliches konkretisiert sich ohne die wichtige Verantwortung zur künstlerischen Distanz zu verlieren. Katharina Cibulka ist eine aufmerksame Beobachterin von Lebensumständen und unaufgeregten/ belanglosen Situationen. Diese alltäglichen Spuren werden dechiffriert, mitunter verändert, letztendlich transformiert und zugänglich gemacht.

     

    In Die berufliche Traumrolle (2006/2009) entlarvt ein zufällig gefundener pseudopsychologischer Test zur Berufsfindung aus einer Tageszeitung die gesellschaftlich offensichtlich nicht vorhandene Relevanz und Reputation des KünstlerInnenberufes. Indem Katharina Cibulka dieses Zitat, das die Tätigkeit von Kunstschaffenden mit Nichtstun gleichsetzt, wiederum in der Kunstwelt verankert, erfolgt eine Rückkoppelung. Eine weiterführende Bewusstmachung und Kontextualisierung wird in Gange gesetzt.

     

    Auch We certainly don`t do it for the money (2012) greift die Problematik der (Selbst-) Ausbeutung von KünstlerInnen auf. Leuchtendrot glänzt dieser Satz im Ausstellungsraum. Die Signalwirkung der Farbe in Kombination mit dem zittrig-flackernden Neon in handschriftlicher Typo ist programmatisch, sanft zynisch, zugleich mahnend. Die Neoninstallation verdeutlicht auch die Nähe von Katharina Cibulkas Kunst zu existentiellen Fragen. Narrative Reflexionen über – nicht immer nur –  bedeutende Phasen, besonders in Biografien von Frauen, zeugen von tiefster Humanität und Hochachtung vor dem Leben.

     

    Erzählungen

    So ist die Künstlerin vor allem eine versierte Erzählerin. Videoarbeiten nehmen dabei, auch durch ihre audiovisuellen Möglichkeiten, einen wichtigen Stellenrang ein. Sie haben oft dokumentarischen Charakter, mit klug gewählten Bildausschnitten und komponierten Details. In ihrer Erzählkraft gehen sie aber über Dokumentationen hinaus und führen in einen weiteren Diskurs.

    Als eindrucksvolles Beispiel dafür gilt die Kompilation der beiden Videos fireflies (1999) und getting my name up there (2009/10). Im Abstand von 10 Jahren werden fünf New Yorker Musikerinnen portraitiert. Katharina Cibulka verzichtet dabei auf klassische Vorher-Nachher-Situationen und führt uns mit unterschiedlicher Methodik an die Biografien und das sozioökonomische Umfeld der Charaktere heran. So stehen bei den Musikerinnen in den coolen End-1990-Jahren das momentane Erleben, ihr starkes Streben nach Zukunft („I want people to know my work“) und ihre Tätigkeit als Musikschaffende im Fokus der in die atmosphärische Düsterheit der Underground-Clubs gebetteten Szenerien. Die Einstellungen wirken durch die bewegliche Handkameraführung sehr lebendig, direkt und unmittelbar. Eine Dekade später verändert sich das Setting, wir begegnen den Frauen in ihren Privaträumen, konzentriert erzählend, ein wenig abgeklärt („[…] actually she works all the time to survive…“), mit statisch positionierter Kamera. Der Bruch in der Erzählweise ist kein Widerspruch, sondern unterstreicht methodisch die Text- und Bildebene. Es ist berührend zu sehen wie sich die Dynamik des jungen Erwachsenenalters zu einer mehr sesshaften Form entwickelt, sich die Ich-Konzentriertheit zu Gunsten des mitgedachten und mitgelebten Umraumes modifiziert.

     

    Auch in Hind, a fictional story about a real woman (2014) steht in der Visualisierung eines Zeitsprunges die Entschlüsselung biografischer Elemente im Zentrum. Die Geschichte der Marokkanerin Hind, die mit dem zum Islam konvertierten New Yorker Mustapha eine Form von „Handschuhehe“ eingeht, also eine Hochzeit feiert, bei der ein Teil des Brautpaares nicht anwesend ist, wird in einer insgesamt zwölfteiligen Serie von Collagen storyboard-ähnlich umgesetzt.

    Dabei führt Katharina Cibulka, die 2004 zufällig beim feierlichen und traditionellen Hochzeitsritual als Gast in Casablanca anwesend war, die Geschichte der Brautleute, die sich über das Internet bzw. Telefon gefunden hatten, weiter. So gesellen sich bei der Umsetzung der Collagen zu den realen Fotografien von 2004 - wie z.B. zum Bild der hennaverzierten Hände der Braut - auch fiktionale Elemente. Vermeintlich autobiografische Texte in der jeweiligen Sprache des Paares interpretieren beider Intentionen und Motivationen, bleiben aber doch Imagination. In die 12 Collagen - jede einzelne kann auch für sich als Bild-Einheit dechiffriert werden - fließen auch symbolträchtige Elemente ein: Telefone als ewiges Verbindungspfand, Perlenschnüre als Verkörperung von Reinheit und Liebe, Stoffe als Träger von Struktur und Vielfalt, Bilder von Kunstaktionen des 20. Jhdts ua.

    So offenbart der Collagenzyklus ein komplexes System von Beziehungsmodellen und verbildlicht hochaktuelle Fragen der Globalisierungsgesellschaft. Die private reale Geschichte eines Paares - geprägt von Fremdheit und individuellen Sehnsüchten - zeigt als Ehe-Portrait, erweitert durch die künstlerische Einbildung, ein Abbild der Heterogenität moderner Generationen.

    Der persönliche Wunsch Cibulkas, die mittlerweile in New York lebende und zweifache Mutter Hind zu kontaktieren oder zu treffen, blieb bislang unerfüllt.

    Die Geste der Abstraktion verbindet Hind, a fictional story about a real woman auch mit der Gruppenperformance Peek a corner (seit 2011), der Performance-Text-Arbeit Am I contemporary ? (2010), oder dem Video Stressed out (2006). Obwohl in diesen Arbeiten ebenfalls konkrete Situationen angesprochen sind, wandelt sich der dokumentarische Zugang. Methodisch steht hier Performativität im Zentrum. Themen werden artikuliert, fragmentiert und somit wiederum abstrahiert. Durch die Loslösung der Darbietungen von realen Figuren erscheint in der Fiktion eine Einbettung in einen gesamtgesellschaftlichen Konnex erleichtert. Die Intention Probleme nicht nur aufzuzeigen, sondern auch (Rollen-) Veränderungen zu evozieren, nachvollziehbar.

     

    Die Abstraktion im dechiffrierbaren Konkreten findet sich auch in einer 2004 entstandenen Serie von Fotografien (Ohne Titel). In elf Varianten begegnet uns das mit 90 Grad in der Waschmaschine gewaschene Selbstportrait von Katharina Cibulka. Zweifellos hat der maschinelle Vorgang, das „Ausgekocht werden“, physische Spuren hinterlassen. Man kann gerade noch Spuren von Make-up auf einer Gesichtshälfte in der „Urversion“ des Fotos erahnen. Eine Variation des römischen Januskopfes in Form eines zeitgenössischen Frauenportraits?  Tatsächlich erfordert die Komplexität im Ausleben unterschiedlichster Rollen spezielle Strategien. Mit dem Waschgang wird auch ein Gedankengang gestartet und in der Ausführung wird die Banalität einer Haushaltstätigkeit zur existentiellen Erfahrung. Fragen zur Selbstreflexion, zur Einbettung in Systeme, zur Unausweichlichkeit von Abläufen, Rollen und Prozessen werden aufgeworfen.

     

    Auch in der Serie Überlebende (ab 2008) wird eine Reflexion über diese Fragen gestartet um diese letztendlich unkonventionell zu beantworten. Historische bzw. legendäre Frauenpersönlichkeiten wie Elisabeth Biener (Tirol, 17. Jhd.) oder Maria Antonia Deolinda y Correa (Argentinien, 19. Jhd.) sind in den Überlieferungen als Heldinnen präsent, weil sie ihren Ehemännern in den Tod folgten. Katharina Cibulka durchbricht die in den Mythen verankerte Unausweichlichkeit indem sie den Frauen einen anderen Weg als den des drohenden Endes ermöglicht. Die in eine Road-Movie-Szene eingebettete und als Heilige verehrte Maria Antonia Deolinda verdurstet nicht, sondern hilft sich mit Wasserflaschen, die sie wie ein starker Fluss des Lebens umspülen. Elisabeth Biener hingegen fixiert sich am realen Gerüst vor dem bedrohlichen Wasserfall, ohne zu fallen. Die schicksalhafte Determinierung der Biografien erfährt durch die radikale Mutation tradierter (bildlicher) Darstellung letztendlich auch eine inhaltliche Umkehrung.

     

    Orte, Töne

    Als besonderes Feature zeigt sich Katharina Cibulkas Fähigkeit räumliche Beziehungen mit sozialen Zusammenhängen zu kombinieren. Räume und Wirkungskreise sind nicht von ihren BewohnerInnen oder BenutzerInnen zu separieren, sondern umfassen sie als logische Konsequenz und Weiterführung ihrer Identitäten. Obwohl Katharina Cibulka immer vom Menschen als selbstbestimmtes Individuum ausgeht und dieses auch zentral untersucht, ist die Konstruktion und Aneignung von Räumen nicht auf das persönliche Umfeld beschränkt.

    In der Weiterführung dieses Zuganges wird greifbare Architektur oder Landschaft auf akustische Qualität erweitert. Deutlich wird dies in drei mittels Videos belegten Aktionen, die sich auf John Cage beziehen. Die Radikalität dessen Stückes 4’ 33’’ veränderte die Vorstellungen von Musik, Sound und vor allem Stille für weiterfolgende Generationen nachhaltig. Mit der Einbeziehung der grundsätzlich vorhandenen Geräuschkulisse expandiert Katharina Cibulka den physisch vorhandenen Raum und integriert als bestimmendes Element die Dimension der Klangwelt.

     

    Die Austragungsorte dieser Interventionen könnten dabei nicht unterschiedlicher gewählt sein: In 8 Kompositionen (2007) ist einer davon der mittlerweile historisch gewordenen Wiener Südbahnhof, in und zwischendurch ein bisschen Ruhe (2009) die Tiroler Bergwelt, in New Orleans Traces  (2014) ein urbanes Surrounding. Die grundsätzlich vorhandene lautliche Struktur eines Ortes kann als ein öffentliches Archiv von Tönen, auch von Tonspuren, gesehen werden. Der Bitte der Künstlerin nachkommend, ahmen zufällig befragte Personen die Geräusche ihrer Umgebung stimmlich und spontan nach. In der nicht genormten und ureigenen Interpretation entstehen autonome Kompositionen und Solostücke. So werden in der Verlautbarung des eigenen Hörerlebnisses persönliche, fast intime Wahrnehmungen offenbart. Zur visuellen Ebene dieser in ihrer Historizität und Selbstverständlichkeit unterschiedlichsten und einmaligen Topografien gesellt sich als Äquivalent ein ebensolcher Klangteppich, - in seiner Einzigartigkeit ein Gegenstück zum gleichförmigen White Noise. Die Künstlerin zeigt einmal mehr die Bedeutung der individuellen Verortung des einzelnen Menschen in dem größeren Zusammenhang eines komplexen Systems. Und die Wachheit von Katharina Cibulka - die ihre Neugierde mit Achtsamkeit kombiniert, eingefahrene Denkmuster und Strukturen freilegt und neu formiert - stößt Prozesse an, die vielfältig und dynamisch weitergehen werden: Let’s trace her steps!

     

     (Heike Maier-Rieper)

     

     

    1 Vgl. Walter Benjamin, „Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts“, in: ders., Illuminationen – Ausgewählte Schriften, Bd. 1, Frankfurt a. M. 1961, S. 178.

    2 In: Rolf Tiedemann (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band V.I, Frankfurt am Main 1998, S. 560. [Walter Benjamin: Das Passagen-Werk [M 16 a, 4]: Der Flaneur.]

  • Publikationen

    2014

    Traces

    Das Konzept hinter dem Katalog: Katharina Cibulkas Arbeit "do not leave any traces" wird zum Titel und Grundthema des Kataloges. Im Katalog werden Spuren hinterlassen, denn weibliches Kunstschaffen hinterlässt Spuren.

    Der Katalog ist nicht nur Katalog, sondern auch Notiz-Block und Grundlage für neue Ideen, neue Spuren. Die Künstlerin selbst bzw. KooperationspartnerInnen arbeiten am Katalog weiter. So entstehen neue Werke in Form von durchnummerierten und signierten Katalog-Einzelstücken. Die Aufforderung "do not leave any traces" wird konsequent ad absurdum geführt, in einem offenen, sich ständig weiterentwickelnden Kunstwerk.