Katharina Cibulka

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627 Schindeln

87 m

 

2015

 

 

 

ist heute morgen 1

Land Art / Fotografie

Auf einer hügeligen Wiese sind hölzerne Dachschindeln zu sehen, die senkrecht der Reihe nach in die Erde gesteckt sind. Die Schindeln sind alt, haben das Haus verlassen.

 

Ursprünglich bedeckten sie das Haus, ein Heim und schützten es vor Kälte und Nässe, aber auch vor Sonne und Wind, hielten die Kühle im Sommer im Haus und sperrten die Kälte im Winter aus. Die Schindeln bilden das Dach, das Dach definiert ein Haus, ohne Dach ist ein Haus eine Ruine. Die Schindeln machen das Haus zum Heim, zum Daheim.

 

Wenn sich Schindeln auf Wanderschaft begeben, dann ist es so, wie wenn Nomaden ihre Zelte abbrechen, sie ein Stück weitertragen und woanders wieder aufbauen. Das macht Katharina Cibulka mit den alten Holzschindeln, sie baut die Holzstücke immer wieder an einem anderen Ort auf, aber nicht in ihrer ursprünglichen Funktion als Abdeckung und Schutz für eine Behausung, sondern sie setzt die Schindeln auf als ewig Wandernde, als Nomaden.

 

Wo immer die Schindeln auftauchen, scheinen sie wegzu-gehen, durchzugehen, einen Ort zu verlassen. Geordnet, wie sie es als Schindeln gewohnt waren, als sie in Reih’ und Glied auf dem Dach lagen, bewegen sie sich auch jetzt durch den Raum und durch die Zeit: ist heute morgen. Ihre Ordnung ist auf der Wanderschaft eine mäandernde geworden. Sie gehen noch in der Reihe, aber sie neigen sich nach links und nach rechts und erzeugen in ihrer Bewegung einen eigenen Rhythmus. In ist heute morgen 1 wandert die lange Reihe der Schindeln aufwärts, mäandernd über buckelige Berg-wiesen den Bergen zu, einem Joch zu.

 

Die ausgedienten und pensionierten Schindeln sind dann sozusagen auf ihrem Gang in ein anderes Tal, an einen anderen Ort. Vielleicht suchen sie ein Ausgedinge, vielleicht eine letzte Ruhestätte. Die Schindeln von Katharina Cibulka verschwinden von der Bergwiese im hintersten Tuxertal, um dann woanders wieder aufzutauchen: In ist heute morgen 2 entdecken wir sie für ein paar Wochen im KUNSTRAUM in Innsbruck in der Maria-Theresienstraße. Hier schaffen es die Schindeln auch durch Wände hindurch zu gehen, denn die vordere Reihe der Schindeln hat den Boden der angrenzenden Galerie Thoman schon betreten.

 

 

In ihrer grenzüberschreitenden Dynamik gewinnt die Arbeit der Künstlerin im November 2015 zusätzlich eine politische Dimension: Die Schindeln erinnern an die Reihen der Flüchtlinge, die aus Syrien und anderen Ländern vor den Grenzen Europas stehen und in die europäische Union wollen. Die wandernde Schindelreihe von Katharina Cibulka wird plötzlich optisch zum Zaun, zur Grenze im Ausstellungsraum, teilt den KUNSTRAUM in zwei Hälften, bleibt dennoch durchlässig und hinterfragt die Grenzen eines Zaunes selber: Die aufgereihten Schindeln, in dem Fall als Grenzzaun lesbar, können die BesucherInnen am Durchgehen nicht hindern.

 

Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Diese Fragen markieren den Beginn der Klassischen Moderne. Nachdem die ersten beiden Fragen in Wissenschaft und Forschung in vielfältiger Weise präsent sind, scheint die Frage nach dem Wohin gehen wir? viel leiser gestellt zu werden. Katharina Cibulka gibt keine Antworten, hält aber die Frage dadurch lebendig, dass die Schindeln ihrer Arbeit ist heute morgen immer wieder woanders auftauchen, unvermutet an Orten, die überraschen. Unlängst sah ich die Schindeln durch ein gotisches Zimmer der Südtiroler Koburg wandeln, aus einem Nebenraum kommend verschwindet die Reihe im nächsten.

 

Es ist als suchten diese Schindeln, nachdem sie ihr Leben und ihren Zweck erfüllt haben, einen Ort der Ruhe und es scheint so, als müssten sie noch sehr weit gehen und noch viele Räume durchwandern. An manchen Orten, an denen sie auftauchen, hinterlassen sie ihre sichtbaren Spuren auf den Fotografien, die Katharina Cibulka von den Räumen macht.

 

Lizzy Fidler, April 2016